Pressebericht vom Teckboten 08.03.2007
LOKALES
Die Prärie lässt grüßen: coole Jungs und bunte Pferde 08.03.2007
OHMDEN / KIRCHHEIM "Der wilde, wilde Westen . . .", singen Truck Stop schon seit Jahren. Doch der fängt nicht nur hinter Hamburg an, sondern auch hinter Kirchheim, genauer gesagt im Hummelstall in Ötlingen. Marc Tuscher und der Rest
IRIS HÄFNER
der Familie haben sich dem Westernreiten verschrieben. Cowboystiefel, Sporen a la John Wayne, Jeans und Karohemd statt Reithose und Polohemd gehören hier zur Standardausrüstung und auch die Aufmachung der Pferde unterscheidet sich von Grund auf: Westernkandare statt Wassertrense, Blankets statt Schabracken oder Einohrkopfstück statt kombiniertes Reithalfter ganz zu schweigen vom auffälligsten Merkmal, dem Westernsattel.
Westernreiten ist eine Weltanschauung, hat mit Rodeo rein gar nichts zu tun und ist im Gegensatz zur klassisch-englischen Reitweise auch bei Jungs beliebt. Seinen Ursprung hat diese Reitweise in den Weiten Nordamerikas. Nicht nur Revolverhelden waren in den vergangenen Jahrhunderten auf das Pferd als trittsicheres Fortbewegungsmittel angewiesen, sondern hauptsächlich Cowboys, die riesige Rinderherden zu betreuen hatten. Daraus entwickelte sich ein eigener Stil, den auch hierzulande immer mehr Reiter schätzen.
Marc Tuscher aus Ohmden ist einer von ihnen. Einen Großteil seiner Freizeit verbringt er mit Begeisterung auf dem Pferderücken. Allerdings kommt es für ihn schon auf die richtige Sportart an. Die klassische Reitweise wie etwa Dressur oder Springen ist nicht sein Ding, er liebt es cooler, männlicher. "Englisch wäre ich nie geritten, Western finde ich klasse", sagt der 16-Jährige.
Lässige Eleganz und viel Rasanz so wird das Westernreiten gern beschrieben, und diesem Ideal steuert Marc Tuscher zielstrebig entgegen. Die Weichen sind schon Richtung Erfolg gestellt: Mit seiner Stute TL Cherokees Sassy, einfach Sassy genannt, wurde er gleich in seiner ersten, richtigen Turniersaison in seiner Klasse einmal Landesmeister und einmal Vizemeister in Schutterwald. In der Wertung für den Baden-Württemberg Cup belegte das Paar den zweiten Platz mit lediglich fünf Punkten Rückstand auf den ersten Platz. Dem nicht genug: Anfang dieses Jahres wurde Sassy nochmals geehrt. In nur einer Saison erritt das Pferd 87 Punkte in der Disziplin "Trail". Dafür wurde ihr die bronzene Pferde-Leistungsmedaille verliehen.
Seine Reiterkarriere hat der 16-Jährige seinem jüngeren Bruder Dominik zu verdanken. "Ich will reiten", teilte der aufgeweckte Bub vor geraumer Zeit seiner Familie mit sehr zur Freude von Yvonne Tuscher, die vor der Familienphase selbst geritten war. Dem Wunsch des Filius' wurde entsprochen und so landeten die Tuschers auf einem Isländerhof in Frickenhausen. Nicht nur der Jüngere war von den Reiterferien begeistert, auch sein großer Bruder fand zusehends Gefallen an den kleinen, robusten Pferden. Bald schon ritten Mutter und Sohn gemeinsame aus und ein Pflegepferd erfreute sich der Fürsorge von Dominik und Yvonne Tuscher.
Dank der allgemeinen Begeisterung für die Pferde kam Dynamik in die Sache und schon bald gehörte Coronilla zur Familie. Die selbstbewusste Criollo-Stute kam direkt aus Uruguay nach Ötlingen in den Hummelstall, der damals ganz in der Nähe des Tuscherschen Domizils lag. Die Stute ist ein ideales Freizeitpferd. Skijöring einer reitet, der andere lässt sich auf Skiern oder Snowboard im Schnee hinterherziehen ist mit ihr ebenso zu machen, wie ausgedehnte Ausritte über die Alb. Und wenn Marc ihr seine frisch erlernten Spanisch-Kenntnisse zuflüstert, fühlt sie sich in die südamerikanische Heimat zurückversetzt, denn ihr Ohrenspiel zeigt eindeutig an, dass dies gewohnte Laute sind.
Zwischenzeitlich ist der Pferdebestand der Tuschers deutlich angestiegen, dafür sorgt schon Quarter Horse-Zuchtstute One Kitty Cat mit ihrem Nachwuchs. Aushängeschild ist jedoch eindeutig Sassy, eine hübsche Paint-Stute. Diese Rasse besticht vor allem durch ihre auffällige Scheckzeichnung.
Schnell war klar, dass Marc mehr wollte, als nur abenteuerlustig durch den Talwald mit Coronilla zu streifen. Zudem gab es "logistische" Probleme, denn bei aller Robustheit der Criollos, kam die kräftige Stute bei drei begeisterten Reitern doch an ihre Grenzen. Im Jahr 2004 machte sich Yvonne Tuscher deshalb auf die Suche nach einem Turnierpferd für ihre ambitionierten Söhne, denn der zehnjährige Tim probiert sich auch schon in der Führzügelklasse. Einzig Vater Thomas Tuscher weigert sich beharrlich, auf einen Pferderücken zu steigen, ist aber als Chauffeur und Manager des "Familienunternehmens" sehr gefragt.
Nach einem halben Jahr intensiver Suche wurden die Tuschers auf dem Gestüt Leckebusch im Bergischen Land fündig. Mit ihrem Traumpferd ein Paint stand auf der familiären Wunschliste traten sie mit der damals dreijährige Sassy die Reise in den Süden an. Yvonne Tuscher begann die Ausbildung des jungen Pferdes mit Bodenarbeit. "Ich habe jedoch ziemlich schnell gemerkt, dass ich beim Einreiten eines Westernpferdes an meine Grenzen stoße, schließlich komme ich vom Englischreiten" erzählt Yvonne Tuscher. Das Einreiten sollte ein Profi übernehmen und schon wieder begann eine intensive Suche, dieses Mal nach einem Trainer. Sowohl mit dem Pferd als auch mit dem Trainer scheinen die Tuschers ein gutes Händchen gehabt zu haben. Landestrainer Stefan Ostiadal hat nicht nur Sassy eingeritten, sondern trainiert zwischenzeitlich Pferd und Reiter. Schon 2005 sammelten Marc und Sassy erste Turniererfahrung, wobei alle Beteiligten Wert auf eine solide Ausbildung legen, denn weder Pferd noch Reiter sollen überfordert werden.
Auf die kommende Turniersaison bereitet sich der sympathische Schüler wie im vergangen Jahr vor. Die Trainingsmöglichkeiten sind im Winter in Ötlingen begrenzt, weshalb Sassy mehrere Monate Profi-Training in Oberschwaben genießt. Mindestens zwei Mal in der Woche fährt Marc mit seiner Mutter nach der Schule ebenfalls zum Training nach Fronhofen. Gemeinsam lernen die beiden Eleven eine Lektion nach der anderen. Fliegende Galoppwechsel sind dran und Stefan Ostiadal verlangt beiden Kondition und Konzentration ab, denn eine Lektion wird erst dann beendet, wenn die Aufgabe richtig gelöst ist. Viele Worte fallen nicht zwischen Schüler und Ausbilder, ruhig und konzentriert verläuft die Trainingsstunde. Stefan Ostiadal erklärt die Hilfengebung, korrigiert und gibt Tipps, mit welchen Tricks Sassy die gestellte Aufgabe lösen kann. Auch Marc muss erst einmal ein Gespür dafür bekommen, wie sich ein korrekt ausgeführter Wechsel anfühlt. Pferd und Reiter sind ein Team, das sich versteht und gegenseitig vertraut. Schnell wird der Stute klar, was Marc von ihr will und in ihrem Übereifer kommt sie der Hilfengebung zuvor. Mit der Zeit sind Fortschritte klar erkennbar und irgendwann ist auch der Trainer zufrieden. Als Belohnung gibt's dann die wohlverdiente Ruhe in der Box.
"Ich hab' extrem viel gelernt", erzählt Marc. Sein Können ist zwischenzeitlich im Stall gefragt, immer wieder reitet er fremde Pferde und gibt seinerseits Tipps. Der Turnierplan für dieses Jahr steht schon in groben Zügen fest. Nicht Eingeweihten erschließt sich die Klassifizierung nicht so leicht und auch die Vielzahl der Disziplinen macht einen Durchblick nicht einfach. "Reining" beispielsweise ist die Dressur der Westernreiter und beim "Trail" ist Geschicklichkeit gefragt, wenn beispielsweise eine Wippe zu überqueren ist oder ein Stangenlabyrint auf genau definierte Weise auch rückwärts ohne antippen durchlaufen werden muss. Beim "Western Riding" kommt hinzu, dass die Galoppwechsel punktgenau erfolgen müssen. Am Spektakulärsten und bei Turnieren der Publikumsmagnet ist jedoch "Cutting". Dabei muss das Pferd selbstständig ohne Einwirkung des Reiters ein Rind von einer Herde absondern und verhindern, dass es dorthin wieder zurückkehrt. Schnelle, unberechenbare Vorwärts- und Seitwärtsbewegungen des Pferdes verlangen vom Reiter Sattelfestigkeit.
Jeans und Cowboystiefel samt Sporen bestimmen das Outfit von Marc Tuscher auf der Reitbahn, den typischen Cowboyhut trägt er allerdings dank mütterlicher Intervention nur auf Turnieren. "Sicherheit geht vor", so die klare Ansage von Mutter Yvonne Tuscher. Deshalb ist Marc Tuscher nicht nur im Gelände sondern auch im Reitunterricht vorbildhaft mit Sicherheitshelm unterwegs.
Zeit für andere Hobbys hat Marc trotz Schule, Stallarbeit und Training. Mit Freunden kicken und ausgedehnte Radtouren in den Ferien ergänzen das Sportprogramm. Zudem spielt der 16-Jährige in der Jugendkapelle der Stadtkapelle Kirchheim Euphonium, ein tiefklingendes Blechblasinstrument. Im Winterhalbjahr ist er einer der Turmbläser, die samstags vom Rathaus die Passanten erfreuen, im Sommer hat er dazu jedoch keine Zeit, denn dann ist schließlich Turniersaison.
